Fritz Brandenburg (1928 – 1959)

Portrait von Fritz Brandenburg um 1950, in: ELAB 32107/Bildarchiv.

Biografisches

Nach Versetzung des Pfarrers Müller wurde die Pfarrstelle in Lautawerk umgehend zur Neubesetzung ausgeschrieben. Die Zeit bis zur Amtseinführung eines neuen Ortsgeistlichen wurde durch den Dienst von Hilfsprediger Dr. Scharf überbrückt.

In Summe gingen 9 Bewerbungen ein. 5 von diesen Bewerbungen wurden in einer Sitzung am 12.01.1928 zu Gastpredigern ausgewählt, „und zwar für den 29.1. P(astor) Halbrock-Tampe, 5.2. P(astor) Graichen-Golzow, 12.2. P(astor) Thiemer-Senftenberg, 19.2. P(astor) Pukel-Belkow, 26.2. P(astor) Brandenburg-Cossenblatt, Kr. Beeskow.“[1]

Fritz Brandenburg hatte sich erst am 11.01.1928 gemeldet, nachdem ihn Müller auf Anraten des Konsistoriums am 10.01. zur Einreichung einer Bewerbung aufgefordert hatte.

 

Den weiteren Ablauf des Bewerbungsverfahrens schildert Brandenburg später so:

„Nach den mir gemachten Mitteilungen schwankte die Stimmung der kirchlichen Gemeindevertretung, nachdem der 4. Gastprediger ausgeschaltet war durch die Erklärung des Konsistoriums, dass man ihn im Falle der Wahl die Bestätigung versagen würde, in den ersten Märztagen zwischen dem 1. U(nd) 5. Gastprediger, dass P(astor) Halbrock als Schwerkriegsbeschädigter in hiesiger Industriegemeinde leichter Eingang finden würde, immer mehr für diesen zu, sodass man sich am 12. März auf einer einstimmigen Wahl dieses Bewerbers einigen konnte (sic!). Zu aller Verwunderung traf etwa eine Woche später von P(astor) Halbrock die Nachricht ein ohne weitere Begründung, dass er die Wahl ablehne. Die nunmehr sofort aufgenommenen Verhandlungen zeitigten am 22. März den Beschluss, dass eine Kommission von 3 Herren am 25. März den Pastor Brandenburg noch einmal in seiner Gemeinde abhören und vor allem an Ort und Stelle über seine Amtsführung und sein Haus Erkundigungen anstellen solle. Man wählte mit Absicht in die Kommission nur solche Herren, die gegen die Wahl des Pastors Brandenburg gewisse Bedenken hatten. Nachdem die 3 Herren sich in Cossenblatt am genannten Tage ihres Auftrages nach verschiedenen Richtungen entledigt hatten, gab ihnen Pastor Brandenburg das Versprechen, im Falle der Wahl dem Ruf zu folgen, worauf ihm angedeutet wurde, dass sie ihn nun auch als Pfarrer von Lautawerk betrachteten. So kam nach diesen langwierigen Verhandlungen, über die das Protokollbuch naturgemäß nur einen kurzen Auszug gibt, am 12. April die einstimmige Wahl des Genannten zustande.“[2]

Fritz Brandenburg wurde am 22.05.1886 in Müllrose bei Frankfurt a.O. geboren. Nachdem seine Schwester bereits frühzeitig gestorben war, wuchs Brandenburg als Einzelkind auf. Mit 5 Jahren zog die Familie nach Berlin. Dort besuchte er das Lessing-Gymnasium. In einem Lebenslauf aus dem Jahr 1908 berichtet der angehende Pastor von seinem frühzeitigen Wunsch, den Pfarrberuf zu ergreifen.[3] Während des Theologiestudiums an der Berliner Universität besucht der junge Kandidat Seminare bei Adolf von Harnack (1851-1930) und Reinhold Seeberg (1859-1935). Nach nur 7 Semestern an der Berliner Universität meldet sich Fritz Brandenburg zum ersten theologischen Examen an. Es folgen Vikariat und Pfarrstelle in Cossenblatt. Mit knapp 42 Jahren tritt Pfarrer Brandenburg seinen Dienst in Lautawerk an. Er wird die Gemeinde über 30 Jahre lang begleiten und prägen. Ihm verdanken wir etwa umfangreiche Eintragungen in die Chronik der Kirchengemeinde, die das christliche Leben vor Ort dokumentieren.
Prägend für Pfarrer und Gemeinde war die Zeit des Nationalsozialismus und des Kirchenkampfes, d.h. der Auseinandersetzung verschiedener politischer Strömungen innerhalb der Evangelischen Kirche. Da Pfarrer Brandenburg ein „ausgewiesener Gegner des Nationalsozialismus war“[4], unterstütze die Pfarrfamilie polnische Zwangsarbeiterinnen sowie eine jüdische Familie. Mehrfach erhielt Brandenburg anonyme Drohbriefe, Fensterscheiben des Pfarrhauses wurden durch Trupps der HJ und SA eingeworfen.[5] Nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich Fritz Brandenburg für Versöhnung und Aufarbeitung der NS-Diktatur stark.
Am 31.03.1959 scheidet Brandenburg offiziell seinem Amt als Pfarrer von Lautawerk. Wenig später siedelt er nach Wendisch Sorno bei Senftenberg über, wo er das leerstehende Pfarrhaus bezieht und die Gemeinde bis zu seinem Tod am 17.05.1962 begleitet. Die Aufbahrung Brandenburgs erfolgt in Lautawerk am 21.05.1962. Wie sein Amtsnachfolger Gottfried Forck (1923-1996) in der Kirchenchronik schreibt, waren etwa 400 Gemeindeglieder zur Trauerfeier anwesend. Für das letzte Geleit des Verstorbenen zum Friedhof werden eigens ganze Straßenzüge der Stadt durch die Volkspolizei gesperrt. Fritz Brandenburg prägte die Geschichte der Ev. Kirchengemeinde Lautawerk somit binnen 30 Jahren Amtszeit stärker als jeder andere Geistliche vor Ort.

[1] Gemeindechronik, in: ELAB 32107/1, S. 65f. ↩ Zurück
[2] Gemeindechronik, in: ELAB 32107/1, S. 65f. ↩ Zurück
[3] Vgl. Lebenslauf von Fritz Brandenburg vom 24.11.1908, in: ELAB 15/708. ↩ Zurück
[4] Goetz, Rainer: Kirchenpolitische Auseinandersetzungen im Kirchenkreis Senftenberg, in: Jahrbuch für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte 59 (1993), S. 155-173, S. 162. ↩ Zurück
[5] Vgl. Goetz: Auseinandersetzungen, S. 162. ↩ Zurück

Auszüge aus der Kirchchronik, aufgezeichnet von Fritz Brandenburg:

1928 – Das Programm des neuen Pastors

Am 2. Juli wurde die erste Sitzung mit der Gemeindevertretung gehalten. Ich benutzte diese erste Versammlung lediglich zur Verlesung meines Programms. Das Protokollbuch S. 292ff. sagt darüber:

a) Unpolitische Arbeit, mir schon immer Richtschnur hier aber die einzige, die Aussicht auf Erfolg hat. Sie entspricht allein der Tendenz der obersten Kirchenleitung und wird sich immer allgemeiner durchsetzen. Der politische Pastor gehört der Vergangenheit an.

b) Stärkung des Gemeinschaftsgefühls. Wo es nicht ist, da muss es geweckt, wo es vorhanden ist, muss es vertieft werden. Die Frauenhilfe kann hier ein wirklicher Helfer sein. Die evangel(ische) Kirche der Zukunft wird eine soziale Kraft werden, mit der man rechnen muss. Möglichst zahlreiche persönliche Besuche in den Häusern sollen dem zum Ziel dienen.

c) Schaffung einer Kirchensitte. Diese fehlt hier fast ganz. Ohne Sitte aber ist keine Gemeinschaft möglich. Sie ist wichtiges Erfordernis sowohl im Gottesdienst, aber auch im sonstigen kirchlichen Leben. Ein 70., 75., 80. Geburtstag, aber auch (ein) 25jähriges oder 50jähriges Jubiläum darf von der Kirche nicht unbeachtet bleiben. An solche(n) Tage(n) zu erscheinen, ist ein dankenswerter Dienst der Vertretung (?). Bei (…) kirchlichen Gaben ist Gleichwertigkeit zu beachten.

d) Schulung für den Weltanschauungskampf, der hier wie kaum an einem anderen Ort entbrannt ist. Diese innere Zurüstung muss die Kirche durch den Pfarrer zu vermitteln suchen. Konfirm(anden)-Unterricht ist wie Predigt (…) das im Auge behalten, ebenso wie die Arbeit in den Jugendvereinen. Auch (…)Schulung einzelner Gemeindeglieder ist in Erwägung zu ziehen.

e) Ein erneuertes (?) kirchliches Ehrgefühl tut uns not. Es muss und gegen unsere kirchliche Ehre gehen, wenn des Sonntags nur ein ganz kleines Häuflein den Weg zum Gotteshaus findet. Hier sei ein besonderer Appell an die kirchliche Vertretung gerichtet. Ohne ein neues kirchliches Ehrgefühl ist die Arbeit des Pastors vergeblich. Ich bin kein Stürmer, aber ich habe Zähigkeit in der Verfolgung der als richtig erkannten Ziele. Ich gebe mich keinen Illusionen hin, aber ich wage zu hoffen. Und der Herr unser Gott sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände!

Gemeindechronik, in: ELAB 32107/1, S. 67; Veränderungen M.P.S.

1929 – Tätigkeit der Evangel(ischen) Frauenhilfe

Die Evangel(ische) Frauenhilfe ist auch im Berichtsjahr wiederum gewachsen; der 4. Hundert ist überschritten. Das wäre eitel Freude, wenn ihm auch das innere Wachstum entspräche. Aber da bleibt noch viel, viel zu wünschen übrig. Die vielgestaltige Wohlfahrtsarbeit durch die starke Kasse, in der Kinderspeisung, Halbtagsfürsorge und mancherlei Einzelnöten ist sicher sehr anerkennenswert, aber wir dürfen uns dem nicht verschließen, dass diese rein soziale, humanitäre Arbeit in steigendem Maße von den staatlichen u(nd) kommunalen Instanzen abgenommen wird, die das mit reicheren Mitteln u(nd) großartigerer Aufmachung übernehmen werden. Das, was dort Nebensache ist, das Seelische, muss uns Hauptsache werden. Nur so behält unsere Fürsorge innere Berechtigung, denn hier arbeiten wir auf unserem ureigenstem Gebiet, auf dem uns kein Staat u(nd) keine Kommune Konkurrenz machen kann, weil sie davon nichts verstehen u(nd) nichts verstehen wollen. Diese Barmherzigkeit mit der Seele, die doch nun mal die Seele der Barmherzigkeit ist, kann aber nur dann geübt werden, wenn ihre Organe von der Barmherzigkeit Gottes leben, wenn es (…) geht nach der Losung des Paulus: Nachdem uns Barmherzigkeit widerfahren ist, so werden wir nicht müde.

Gemeindechronik, in: ELAB 32107/1, S. 72; Veränderungen M.P.S.

1935 – Meine Stellung im Kirchenkampf

Es ist deutlich, dass im kleinen Leben der Einzelgemeinde wohl das erste, die Hochspannung, erkennbar wird, dagegen die Wende zum Ausgleich erst sehr allmählich spürbar wird. Ich war seit dem 30.11.1934 Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der missionarischen und diakonischen Verbände, deren innerstes Anliegen freilich bei der Bekennenden Kirche lag. Der Eintritt zu dieser Arbeitsgemeinschaft war mir schon durch mein Kreisamt als Geschäftsführer der Kreisstelle der Inneren Mission nahegelegt. Darüber hinaus hatte ich mich auch „als ev(an)g(elischer) Christ“ der Bek(ennenden) Kirche anschließen wollen in der Erkenntnis, dass ich in Lautawerk mit diesem Schritt als Pfarrer wenig oder keine Gefolgschaft finden würde. Ich hätte nicht gewusst, wie ich die Fülle der dann entstehenden Konflikte hätte erledigen sollen, wenn ich das kirchenregimentliche Wirken der Bek(ennenden) Kirche auf meine in entschieden deutschchristlichem Kurs sich bewegende Gemeinde hätte übertragen wollen. In ihr, wo die Werksleitung als einziger Arbeitgeber Trumpf ist und selbstverständlich auch in diesen kulturellen Fragen sich von den maßgebenden Instanzen abhängig fühlt, wohl auch niemand bewusst in biblisch-reformatorischem Glauben wurzelt, da wagte nicht leicht einer, aus der Reihe zu springen und so vielleicht gar seine Stellung zu gefährden. Wenn ich mich also verkündigungsmäßig und in der Gesamthaltung auch der inneren Anliegen der Bek(ennenden) Kirche etwa in der Art der Kräfte (?) der Inneren u(nd) Äußeren Mission ohne organisatorische Bindung beschränkte, so war dies, wie ich immer wieder klar erkannte, das hier Mögliche und Richtige. Ich war darum nicht sonderlich böse, dass man meinen freilich erstgemeinten Schritt der Anmeldung zur Bek(ennenden) Kirche abgelehnt hatte. Ich hatte auch so als sog(enannter) Neutraler, der ich ja niemals war, meinen Kampf zu kämpfen und habe ihn gekämpft.

Vom Kirchenkampf in der Gemeinde

Das wurde gleich in der ersten Sitzung im neuen Jahr deutlich, als ich in einer Bemerkung ganz nebenher erkennen ließ, dass meine Hochachtung vor der Person des Reichsbischofs doch rechtmäßig war. Auch dass ich bei einem Ältestentreffen die Behauptung wagte, dass auch der Führer irrtumsfähig wäre, wie der Fall Röhm gezeigt hätte, verursachte höchste Entrüstung und zog die Verhandlungen bis zur mitternächtlichen Stunde hin. Auch diese und jene Predigt wurde Gegenstand der Diskussion. Nicht was ich gesagt, wäre gefahrdrohend, sondern was die Hörer daraus machen könnten! Auch das ich den Namen Hitler verhältnismäßig selten auf der Kanzel brauchte, wurde gerügt. Ich hätte wohl das Recht gehabt, solche Gedanken als Einmischung in meinen seelsorgerlichen Dienst von vornherein abzulehnen, ich habe das mit Fleiß nicht getan, weil ich ja die römischen Wege der Unfehlbarkeit nicht gehen wollte, weil ich davon sehr überzeugt bin, dass das Verbot jeder Kritik viel Gutes zerstört, und dass Kritik als eine offene Aussprache zur Klärung helfen kann. Ich wollte also meiner Grundeinstellung nicht untreu werden, wo es sich um meine persönlichen Interessen handelt.

Gemeindechronik, in: ELAB 32107/1, S. 105f.; Veränderungen M.P.S.

Aus dem Notjahr 1945

Der Gemeindebericht

Zunächst der Bericht der kirchl(ichen) Gemeindearbeit. Das Jahr 1945 liegt hinter uns. Es war ein Jahr schwerster Belastung u(nd) wertvoller Erfahrung wie kein anderes, aber auch ein Jahr immer neuer gnädiger Durchhilfen. o grüßen wir die Gemeinde an der Jahreswende mit dem Zeugnis der Schrift: „Gott legt uns eine Last auf, aber Er hilft uns auch.“ Die Wasserwogen im Meer sind groß und brausen mächtig, aber der Herr ist noch größer in der Höhe.
Der Bombenterror im März (vor allem am 15. und 22.) brachte auch unserer Kirche wie dem Pfarrhaus an Dächern, Fenstern und Türen erheblichen Schaden. Doch die Gebäude blieben erhalten, u(nd) ein gut(er) Teil konnte ausgebessert werden. Die Kirchenstube im Südbezirk ging uns verloren, u(nd) wir sind auf der Suche nach Ersatz. Eine Kirchenhelferin (Frau Schlöricke) wurde seit 1. Okt(ober) eingestellt. Die Kirchensteuer wurde für das Notjahr 1945 erheblich (50%) gesenkt.
Der schwerste Dienst war auf dem Friedhof zu tun. Das Vierfache der früheren Zahl, während an Taufen nur die Hälfte der früheren Jahre vollzogen wurde. Mehrere Nacheintragungen fanden statt.
Die evang(elische) Frauenhilfe tat ihren Dienst fast ohne Unterbrechung, freilich meist nur im Rahmen der Seelsorge. Tod u(nd) häufiger Wohnungswechsel brachten ihrer Zahl einige Verluste. Die im Herbst an der Kirchtür verteilten „Grußworte“ sowie einige Aufsätze biblischer Weltanschauung zu den Fragen der Zeit wurden dankbar aufgenommen. Ein Jugendchor hat seine Arbeit begonnen. Ein Religionsunterricht unter kirchlicher Verantwortung ist in Nord in die Wege geleitet. Der Gottesdienstbesuch zeigt eine Zunahme von 20%. Eine Neubildung der kirchlichen Gemeindeorgane ist in Vorbereitung. Sie bringt nur geringe Veränderungen im Wege der Erneuerung.
Also lasst uns getrost bleiben!

Luftangriffe und ihre Folgen

Schon die Märztage des Notjahrs 1945 waren durch die Luftangriffe der Amerikaner für unsere Gemeinde eine sehr schwere Belastung. Die Alarme hörten kaum auf. Am 22. u(nd) 23. März wurde dann neben dem Werke auch unser Bezirk sehr schwer getroffen. Die Detonationen waren furchtbar. Etwa einige 20 Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht. Die Zahl der ganz oder teilweise abgedeckten Dächer dürfte mit 200 eher zu niedrig als zu hoch angegeben sein. Zwanzig Meter von unserem Haus entfernt ging auch eine Bombe nieder, die auch im Pfarrhaus etwa 60 Fensterscheiben zertrümmerte, 4 Türen aufriß oder auflockerte und große Löcher im Dach verursachte. Unsere Kirche teilte das gleiche Schicksal, fast sämtliche Fensterscheiben wurden zerstört, darunter auch die in den ersten Jahren ihres Bestehens von verschiedenen Seiten gestifteten bunten Glasfenster. Bis jetzt konnte eine Reparatur noch nicht erfolgen. Und doch muss alles geschehen, um die Gemeindeglieder vor Einbruch des Winters vor der eindringenden Zugluft zu schützen und ein Absinken des etwas gestiegenen Kirchbesuchs zu verhindern. Der Ort selber bot schon in den Ostertagen einen erschreckenden Anblick.

Die Fluchtfrage

Die ersten Apriltage stellten dann die einzelnen Gemeindeglieder täglich vor die Frage: fliehen oder bleiben. Sehr oft wurde ich selbst um Rat gefragt und musste doch die Entscheidung jedem (selbst) überlassen. Nur für mich selbst war diese im Sinn des Bleibens gegeben; zweifelhaft war nur, ob ich auch die Glieder meiner Familie, meine kranke Frau, den 82-jährigen Schwiegervater u(nd) die 20-jährige Tochter den in Aussicht stehenden Gefahren aussetzen dürfe. Völliges Versagen der zur Flucht erforderlichen Kräfte nötigten dann zum Bleiben.

Der Russeneinfall

Am 20. April stand dann der Russe in unmittelbarer Nähe. Zur Verteidigung des Ortes stand nur eine aus etwa 70 Mann bestehende Schar, vermehrt um einige Volkssturmabteilungen zur Verfügung. Die Ausrüstung war äußerst kümmerlich. Ich sah selbst einen Teil an meinem Fenster um Mittag vorbeimarschieren. Man hat dann auch sehr schnell von der Verteidigung des ohnehin längst zertrümmerten Werkes Abstand genommen. Gegen Abend des genannten Tages rückte der Russe ein. Die mit viel Mühe überall errichteten Panzersperren haben nirgends ein Aufhalten bedeutet; er ist überall auf Nebenwegen eingedrungen. In unserem befriedigend ausgebauten Luftschutzkeller hatten wohl an (die) 20 Personen Zuflucht gesucht, vor allem Frauen und Kinder. Der 1. Russenbesuch brachte nur den Verlust von 3 Taschenuhren und den Versuch einer Entführung unserer Tochter, die aber verhindert werden konnte. Natürlich blieben wir Tag u(nd) Nacht im Keller u(nd) auch meist in den Kleidern. In den ersten Tagen nach dem russischen Einmarsch gab es dauernd russische Besuche mit dem Ziel des Raubens oder der Schändung. So mussten wir unsere Tochter bald hier, bald dort im Versteck halten. Es waren oft sehr angsterfüllte Minuten, wenn sie in Trupps von 2-5 Mann das Haus durchsuchten, vom Boden bis zum Kellerraum, jeden Schrank und Koffer sich öffnen ließen, um ihr Raubgut zu vermehren und mit Recht oder ohne Recht (?) die ungleich schlimmeren Taten unserer Soldaten anprangerten. Natürlich kursierten dauernd die wildesten Gerüchte. Mordtaten sind nur wenige bekannt geworden. Aber Schändungen gab es in großer Zahl. Eine ganz große Not war die Brotversorgung.

Gemeindechronik, in: ELAB 32107/1, S. 142ff.; Veränderungen M.P.S.

Kirchliches Sommerfest 1939, in: ELAB 32107/1.

Einweihung des Gemeindehauses „Frommelheim“ 1954, in: ELAB 32107/1.

Gemeindehaus „Frommelheim“ in Lauta Süd um 1954, in: ELAB 32107/1.

Text von Fritz Brandenburg zur Einweihungsfeier des Gemeindehauses „Frommelheim“ von 1954, in: ELAB 32107/1.