Werner Braune (1963 – 1970)
Biografisches
Ab November 1963 folgt für drei Jahre Werner Braune als Amtsnachfolger von Gottfried Forck auf die Pfarrstelle in Lautawerk. Werner Braune wurde 1936 in Lobetal geboren und legte 1955 das Abitur ab.
In einem Interview[1] berichtet Braune über diese prägende Kindheits- und Jugendzeit:
Also ich bin ja in Lobetal geboren und mein Vater war dort der Pfarrer, der Anstaltsleiter und auch der Bürgermeister, und so sind wir als vier Geschwister von Anfang an in die diakonische Arbeit gewachsen und hatten selbstverständlich Religionsunterricht, Konfirmandenunterricht, und ich habe meinen Vater dann oft begleitet. Ich hatte mit 16 Jahren meinen Führerschein gemacht ohne Auflagen, wie es heute wäre. Mein Vater muss nur unterschreiben, dass er für alle Schäden aufkommt bis zu meinem 18. Lebensjahr, falls nicht die Versicherung dafür eintritt. Da war ich sehr viel mit ihm unterwegs und habe seine Arbeit kennengelernt, und die Einrichtung war einerseits zu Lobetal gehörig (…).
Es war nicht so, dass man sagte wir sind die Guten und wir haben in einer atheistischen Umwelt dagegen zu sein, sondern es war eine selbstverständliche, praktizierte Lebensart unserer Eltern, und da gab es eine Ausstellung von Lobetal, wo sehr viele Dinge waren, und das gehörte selbstverständlich der sonntägliche Gottesdienst dazu, und wir sind in den Bläserchor eingetreten, haben viel geübt, damit man nachher auch ordentlich Musik machen kann, und haben dann teilgenommen an den Andachten und Gottesdiensten, auch in den Außenstationen.
Es folgt ein Studium der Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Darauf folgt das Vikariat in der Prignitz (Kreis Küritz) und in Fürstlich-Drehna/Lausitz:.
Also die Regelungen in der Berlin-Brandenburgischen Kirche waren relativ einfach. Die examinierten Kandidaten hatten keine freie Orts- oder Berufswahl. Wir wurden geschickt, entsandt oder eingestellt für bestimmte Orte. Erst kommt nach der Ausbildung das Vikariat (…).
Nach einer ersten Pfarrstelle in Niederneundorf bei Henningsdorf ist Werner Braune de facto ab November 1963 Pfarrer in Lautawerk. Die offizielle Berufung auf diese Stelle erfolgte zum 1. Januar 1964. Sechs Jahre später (1970) wird er Landespfarrer für Diakonie in Schwerin und ab 1979 bis zur Pensionierung (2001) leitet er die Stephanus-Stiftung in Berlin Weißensee.
Werner Braune als Pfarrer in Lautawerk
Im Folgenden weitere Auszüge aus dem Interview mit Werner Braune, in dem er seine Zeit in Lautawerk reflektiert.
Zur Ankunft in Lautawerk und dem Empfang durch die Kirchengemeinde:
Wir sind sehr jung dort angekommen. Es war erstaunlich, dass die Gemeinde uns sehr herzlich aufgenommen hat. Als wir früh um fünf mit dem Möbelwagen (nach Lautawerk) kamen, da haben einige Leute schon die Öfen geheizt, aus dem Kirchengemeinderat die Frau Schlöricke (die Küsterin war das viele Jahre) hat Essen gekocht für die Möbelpacker, da wurde alles gemacht, und unser ältestes Kind schlief im Auto hinten auf der Rückbank, bis wir rein konnten, und das war am Dienstag vorm Bußtag, wo wir da rein mussten, und ich musste am Bußtag bereits antreten. Das fand ich schwierig.
Wie gestaltete sich das Gemeindeleben? Gab es die Tradition der „kirchlichen Sommerfeste“ noch?
Diese Tradition haben wir nicht gehabt. Wir haben im Sommer im Pfarrhaus aber immer Musik gemacht, Sommermusik. Wir hatten von der Tradition der Sommerfeste gehört. Es gab zu DDR-Zeiten jedoch eine gewisse Schwierigkeit, weil alle Veranstaltungen polizeilich angemeldet werden mussten. Und wenn Sie in den alten Akten vielleicht noch die Anmeldeformulare finden für das Café der Frauenhilfe im Café Schöne oder die Friedhofsandacht auf dem staatlichen Friedhof, da musste ich das anmelden und habe das natürlich auch immer gemacht beim Rat des Kreises Hoyerswerda, und das gehörte selbstverständlich dazu. Wir haben also die Tradition der Sommerfeste nicht weitergeführt, aber wir hatten einen Ehepaarkreis, eine relativ rege Konfirmandenarbeit und Christenlehrearbeit. Und dann haben wir mithilfe von Frau Brinkmann und dem Kantor Hammer aus Senftenberg Sommermusiken gemacht, meistens im Pfarrhaus. Dort im Pfarrhaus war eine Schiebetür zwischen Amtszimmer und Wohnzimmer, die wir aufgemacht haben. Da hatte die Frau Brinkmann noch sehr schöne Programme, die ich meiner Tochter übergeben habe. Da steht drin, was alles an Programm geboten wurde. Das waren „Sommermusiken in Braunes Festsälen“. So sagten wir da. (…) Da waren immer viele Leute da und ich habe mutig als junger Pastor eine Vortragsreihe gestartet zur Reformationszeit. Wir haben 1967 das erste Reformationsjubiläum gefeiert. 450 Jahre. Da hat man sich engagiert. Der Kirchenkreis Senftenberg war ein ziemlich bunter Haufen. Interessant war, dass Lauta Werk und Lauta Dorf zum politischen Kreis Hoyerswerda gehörten, aber kirchlich zum Kreis Senftenberg, während Laubusch zur schlesischen Kirche gehörte usw.
Auch in seinen Lebenserinnerungen, die unter dem Titel „Abseits der Protokollstrecke“ im Wichern-Verlag erschienen sind, schreibt Braune über seine Zeit in Lautawerk:
Lautawerk war eine Stadt mit 10000 Einwohnern. Unser Pfarrgarten schloss direkt an den Park an. Irgendwann sollte er verschönert werden. Dazu wurde öffentlich in der Gemeinde aufgerufen. Man suchte Freiwillige. Es kamen drei Personen: der Bürgermeister, ein Lehrer und ich. Wir haben an jenem Tag nicht viel geschafft. Hacken, Spaten und Harken kamen aus dem Bestand des Pfarrhauses. Hinter dem Park war ein stillgelegter Tagebau, der inzwischen voll Wasser gelaufen war. In der Nähe gab es ein Haus, in dem Fleischer Knochen lagerten – ein Paradis für Ratten und nichts für empfindliche Nasen. In der Gegend stank es aber sowieso. Entweder kam der Wind aus Laubusch und brachte Kohle – oder er kam von Schwarzheide, wohin der „Synthesebus“ zum Synthesewerk fuhr und es roch tatsächlich „synthetisch“ über viele Kilometer. Viel Schmutz wurde aus den hohen Schornsteinen des Kraftwerkes Lauta in die Luft gejagt. Es gab einen ständigen Kampf mit der Reinlichkeit unserer Kinder. Neben unseren eigenen spielten auch andere Kinder bei uns. Bevor es abends wieder nach Hause ging, mussten erst alle flüchtig gewaschen werden, damit wir die eigenen erkannten. Es schien, dass dieser Schmutz nicht so schädlich war wie der von Bitterfeld oder Leuna. Er zog aber durch alle Ritzen und war überall als feiner Niederschlag zu finden.
Zur Gemeinde Lautawerk gehörten zwei Predigtstätten: die Kirche in Nord und das „Emil-Frommel-Heim“ im Ortsteil Süd. Das Frommelheim war eine dürftige Holzbaracke; sie war stets gut besucht. Außer uns hielt dort die Landeskirchliche Gemeinschaft ihre Bibelstunden.
Es war üblich, dass Kollegen an den Festtagen miteinander tauschten. So kam der Amtsbruder aus Lauta-Dorf zu uns und ich vertrat ihn in seiner Gemeinde: Lauta-Dorf, Koschen, Torno und Leippe. Diese Vertretung wurde auch im Sommer praktiziert, wenn Beerdigungsvertretungen wegen Urlaub erforderlich waren oder wir uns gegenseitig helfen wollten. Pfarramtlich war in Lautawerk einige zu tun: zwischen fünfzig und siebzig Begräbnisse im Jahr, Unterricht, Junge Gemeinde, Einzelunterricht mit Erwachsenen, Veranstaltungen vom Chor und Erwachsenenkreis. Man musste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden, die Opfergroschen sammelten und Kirchensteuer einzogen. Und schließlich: viele Hausbesuche.
Wenn wir Weihnachten ein Dankeschönfest für die Helfer vorbereiteten, kamen 30 bis 40 Ehrenamtliche der Kirchengemeinde. Das Dankesfest für die Mitarbeitenden feierten wir in unserer Wohnung. Mein Amtszimmer und das Wohnzimmer, durch eine Schiebetür getrennt, wurden zu einem großen Raum vereint. So konnten alle an Tischen sitzen, Weihnachtslieder singen, Plätzchen essen und miteinander reden.
In Lautawerk gab es eine Menge baulicher Probleme. Die Kirche in Nord hatte einen Dachschaden. Ziegel waren herabgefallen und es regnete durch. Aber nicht nur dort, sondern auch im Pfarrhaus kam bei heftigen Regengüssen das Wasser durch zwei Etagen hinunter ins Pfarrbüro. Die Orgel war pneumatisch – und kaputt. Sie war so „pneumatisch“, dass sie nach Meinung unserer Organistin Susanne Brinkmann nicht mehr zu reparieren war, die mit ihr den Gedanken an schnulzige Kirchenmusik, Rollschweller und Komponisten der milden Sorte verband. Aber die waren durch das Evangelische Gesangbuch zurückgedrängt worden, meinten die Hoffnungsvollen. Der Kampf um halbe Töne und dorische Tonarten war in der Gemeinde entbrannt. Bei dem Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ schauten sich musikalische Fanatiker zuweilen grimmig an, wenn von einem großen Teil der Gemeinde der gewünschte Halbton nicht richtig getroffen wurde. Die Gemeindeglieder sahen das nicht so verbissen.
Braune, Werner: Abseits der Protokollstrecke. Erinnerungen eines Pfarrers an die DDR, Berlin 2009, S. 109ff.
