Klaus-Detlev Metzner (1970 – 1999)
Biografisches
Klaus-Detlev Metzner wurde 1936 in Cottbus geboren. Nach Oberschule, Abitur und Theologiestudium in Berlin wurde er Vikar und ab 1963 offiziell Pfarrer. Als evangelischer Geistlicher befand sich seine erste Pfarrstelle in Selchow, einem Dorf in der Nähe von Storkow.
Über seine Berufsbiografie sowie über seine Verbindung zu Lauta erzählt Metzner in einem lebensgeschichtlichen Interview:[1]
Und nach Lauta bin ich gekommen, weil ich seit Schülerzeiten guten Kontakt hatte mit dem Generalsuperintendenten Jakob in Cottbus. Der hat zu mir gesagt, als ich mit dem Studium fertig war, dass ich mich nach sieben Jahren bei ihm melden sollte, denn die erste Pfarrstelle kriegt man von der Kirchenleitung zugeordnet. So bin ich nach sieben Jahren nach Cottbus gefahren. Ich kannte ihn schon eine lange Zeit. Er nannte mir drei Pfarrstellen, die dringend besetzt werden sollten. Davon waren zwei in Cottbus. Ich stamme aus Cottbus, aber ich hatte kein Interesse dort eine Pfarrstelle zu übernehmen, und dadurch bin ich nach Lauta gekommen.
Lauta war damals der südlichste Ort in Brandenburg. Ich habe noch einen Schulatlas von 1944, wo man das sieht. Lauta war wie ein Blinddarm auf der Karte. Heute ist alles anders geordnet. Es fühlte sich erst an wie das Ende der Welt, aber es war der Kirchenkreis Senftenberg, und ich habe mich dort wohl gefühlt und habe 29 Jahre ausgehalten und bin damit der letzte Pfarrer in Lauta Stadt gewesen. (…)
Ich stamme aus der Stadt und man hätte erwarten können, dass ich eine Stadt-Pfarrstelle nehme, aber ich hatte kein Interesse. Cottbus kannte ich schon. Dort war ich schon im Jugendkonvent als Schüler. Es gab also den Reiz etwas ganz Neues zu machen. Ich war verheiratet. Wir hatten ein Kind. Ich wollte gern ins Grüne, ins Freie. Natürlich hatte ich einige Dinge nicht bedacht. Ich hatte am Anfang kein Auto und bin mit dem Moped gefahren, aber ich bin gut zurechtgekommen. So kam das, als ich vom Generalsuperintendenten vor die Entscheidung gestellt wurde. Ich bin nach Lauta gekommen und dachte, dass ich dort bleibe. Es war ungewohnt, denn Lauta ist ein Industrieort. Ich hatte vorher keinen Zugang zu diesem Milieu gehabt. Ich habe einen bürgerlichen Hintergrund. Ein großer Teil im Gemeindekirchenrat und in der Gemeindeleitung waren Arbeiter aus dem Aluminiumwerk und ich habe festgestellt, dass ich mich mit Ihnen gut verstehe. Ich habe auch lange ausgehalten.
Von 1970 bis 1999 war Pfarrer Metzner Ortsgeistlicher von Lautawerk. Mit seiner Pensionierung wurde die dortige Pfarrstelle nicht mehr besetzt, sondern der Ort wurde durch den Pfarrer von Lauta-Dorf im Rahmen einer Vakanzverwaltung geistlich betreut.
Pfarrer Metzner im Interview über seine Arbeit in Lautawerk
Am Anfang war ich natürlich auf mich selbst gestellt. Von der Kinderarbeit bis zur Arbeit für die Alten musste ich alles allein machen. Ich denke, dass das gelungen ist. Später hatte ich eine Katechetin.
Hatten Sie die Entscheidung für die Pfarrstelle in Lauta schnell getroffen?
Ja. Ich bin hingefahren, habe mir das angesehen und hatte ein Gespräch mit dem Gemeindekirchenrat. Meine liebe Frau ist mir in die unbekannte Gegend gefolgt.
Wissen Sie noch den Monat im Jahr 1970?
Das war im Sommer. Mein ältester Sohn Dietmar ging schon zur Schule… Also müsste ich vor September angefangen haben.
Wie waren Ihre ersten Eindrücke in Lauta?
Von meinem schreib Tisch im Amtszimmer konnte ich auf das Werk schauen und hatte die fünf Schornsteine vor Augen. Das war für mich als Stadtmensch ungewohnt. Das kannte ich nicht. Eine andere Atmosphäre. Die Arbeiter sind konkret und praktisch. Man muss sich gut verständigen und mit anpacken. Wir hatten viel praktisch in der Kirche zu tun. In meiner Zeit wurde die Kirche völlig umgestaltet. Die Fotos von vorher zeigen eine ganz dunkle Kirche, und wir haben es geschafft, die Kirche innen hell zu machen. Da haben viele aus der Gemeinde mitgearbeitet. Außerdem war der Gemeindeaufbau für mich wichtig. Weil ich mit den Kindern angefangen habe – Kinderstunde Christenlehre, junge Gemeinde, Familienkreis, Altenkreis. Übrigens war der jetzige Bürgermeister in Lauta eines der Kinder, die ich aus meiner Kinderstunde kenne. Er ist durch die Kinderarbeit mit reingewachsen.
Jeder Pfarrer hat seine Vorlieben, und mir war klar, dass ich „unten“ anfangen muss. Die Gemeinde war geteilt. Die Mehrzahl wohnte in Lauta Süd und dort hatten wir das Frommelheim. Deswegen waren die meisten Veranstaltungen im Frommelheim und nicht in der Kirche. Und ich bin ziemlich erschüttert, weil ich gehört habe, dass erwägt wird, das Frommelheim zu verkaufen. Das symbolisiert den jetzigen Zustand, aus meiner Sicht.
Sie haben die Umgestaltung der Kirche in Ihrer Zeit angesprochen. Was sind für Sie in der Rückschau die Höhepunkte in dieser Zeit, an die Sie sich erinnern?
Die Orgel wurde neu gebaut, und ich habe erlebt, dass es immer bereitwillige Helfer gab, wenn ich im Männerkreis zum Beispiel eine Aufgabe vorstellte. Ich weiß nicht, ob ich das mit Intellektuellen geschafft hätte. Die Arbeiter in diesem Milieu hatten die Einstellung, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.
Die praktische Seite hatte eine große Bedeutung. Weil Sie die Orgel erwähnten – es gab einen Disput darum, wie ich in den Unterlagen gelesen habe. Die Orgel sollte nach Berlin verkauft werden?
Das weiß ich nicht mehr genau. Wir hatten keinen Kantor mehr. Und zu einem bestimmten Zeitpunkt haben wir daran gedacht die Orgel zu verkaufen, was natürlich auch Widerspruch hervorgerufen hat. Aber die Leute, die sich die Orgel angesehen haben, haben sie nicht genommen. Ich vermute, dass die Orgel neu war und noch nicht lange da war. Pfarrer Braune hatte die Orgel bestellt und wir mussten die einbauen lassen. Die alte wurde ausgebaut und die neue wurde eingebaut, als wir schon da waren. Die Orgelbauer haben teilweise in unserem Haus gewohnt.
Für mich wesentlich war: Gemeinde bauen und gestalten. Wir haben mit den Leuten Ausflüge gemacht, zum Beispiel zur Partnergemeinde nach Baden. Wenn man einen guten Kreis von Leuten hat, unternimmt man etwas. Unsere Partnergemeinde war die badische Landeskirche. Noch heute erinnern sich einige daran, zum Beispiel wenn sie mir einen Gruß zum Geburtstag schicken.
Ich habe herausgehört, dass es kein leichtes Umfeld in Lauta war?
Ja, die Mehrzahl waren Arbeiter aus dem Werk. Schwierig war die Umgestaltung der Kirche. Zum Beispiel für ältere Gemeindeglieder. Ich habe einmal in einer Predigt gesagt, dass es das Beste wäre, die Kirche dem Staat anzubieten bzw. verkaufen, damit wir nicht so viel Ärger haben. Das wurde dem Konsistorium in Berlin gemeldet. In dieser Zeit sollte ich eine Dienstreise zur Partnergemeinde in Pforzheim haben. Die Kirchenleitung hat zunächst beschlossen, dass diese Dienstreise nicht gewährt wird, weil der Pfarrer die Kirche loswerden will. Später haben sie sich jedoch besonnen und ich durfte doch fahren. Diese erste Reaktion habe ich noch schriftlich.
Einer Ihrer Vorgänger, der Pfarrer Brandenburg, der sehr lange in Lauta Werk war, hat in der Chronik geschrieben, dass es hier ein Dienst auf schwerem Boden sei.
Fork hat das auch gesagt. Würde ich nicht sagen. Natürlich ist es nicht leicht. Vorher war ich sieben Jahre auf dem Dorf und hatte acht Dörfer zu versorgen, und ich kann nicht sagen, dass das alles leicht war, sondern es gab auch Schwierigkeiten.
Die Umweltverschmutzung war ein großes Problem. Wenn wir zum Beispiel Besuch bekommen haben aus der Partnergemeinde und die ihr Auto auf unserem Hof parkten, konnte es passieren, dass sie völlig konsterniert waren, weil das Auto eine schwarze Schicht hatte. Die Umweltverschmutzung war schwierig. Wir haben mit dem katholischen Pfarrer zusammen protestiert. Der katholische Pfarrer hat den Dreck einer Nacht in einem Glas gesammelt, öffentlich ausgestellt und etwas dazu geschrieben.
Das vielleicht Allerwesentlichste meine Arbeit war die Ökumene.
Darauf legten Sie einen Schwerpunkt?
Ja, wir waren mit dem katholischen Pfarrer befreundet. Mit ihm habe ich außergewöhnliche Dinge erlebt. Zum Beispiel, wenn ich in den Urlaub gefahren bin, habe ich auf einem Schild geschrieben, dass sich die Menschen beim katholischen Pfarrer melden können.
Er hat Sie also vertreten.
Ja, auch wenn in dieser Zeit keiner verstorben ist, war es außergewöhnlich. Ein anderes Beispiel: 1994 haben wir einen ökumenischen Gottesdienst gefeiert mit einem orthodoxen Priester aus Leningrad, mit meinem Freund, dem katholischen Pfarrer, und mir. Ein ökumenischer Gottesdienst mit Abendmahl. Ich glaube nicht, dass es so etwas schon einmal in Deutschland gab.
